Rede des 1. Vorsitzenden

Rede an die Gewässerwarte des Bezirks 5 - Hannover Mitte - am 07. Januar 2001 in Freden / Leine


Liebe Sportfreunde,

noch im 18. Jahrhundert galt der Rhein mit seinen Nebenflüssen als der größte Lachsfluss Europas. Nach Berechnungen des NASF (North Atlantic Salmon Fund) wurden 800 000 Lachse im Rheinsystem alljährlich gefangen. Und das mit einem durchschnittlichen Stückgewicht von 8 kg. Der Lachs ist im Rheinsystem bis in die heutige Schweiz zum Laichgeschäft hochgewandert. Das sind ca. 1200 km. Dafür hat er nach Expertenschätzung 60-80 Tage gebraucht.

Das zweite große Flusssystem, mit für heutige Maßstäbe ungeheuer zahlreichen Großlachsen, war die Elbe. Auch hier musste der Lachs ca. 1200 km bis in seine entferntesten Laichgebiete nach Böhmen aufsteigen.

Das dritte große Flusssystem in Deutschland war das Weser - Aller System. Es gilt als mittellanges Lachsflusssystem. Von Bremerhafen bis zur Stadt Fulda (mit ihrem gleichnamigen Fluss) sind es zwischen Luftlinie und entlang der Wasserwege ca. 450-650 km.

Die Weser heißt im altdeutsch Visser. Das kann laut den Gelehrten zwei mögliche Bedeutungen haben:

  1. Weißer oder klarer Fluss. Der Fluss war nachweislich nicht sonderlich trübe, sondern klar.
  2. Im althochdeutschen wurde der Name Vis für Fisch gebraucht und damit war, ohne historischen Zweifel aller Gelehrten, der Lachs gemeint.

Es gilt somit als wahrscheinlich, dass die Weser ihren Namen eher von dem hohen Lachsaufkommen, mit seiner damals enormen wirtschaftlichen Bedeutung bekommen hat, als von der eher banalen Tatsache, dass sie ein weißer, klarer Fluss war. Zumal fast alle Flüsse in der damaligen Zeit klar gewesen sind. Als Gründe hierfür seien u.a. zu nennen: Mäandrierender Verlauf, weniger Bodenerosion durch eine extensiv genutzte Landwirtschaft und keine Schadstoffeinleitungen durch Industrie und Landwirtschaft.

Nennen wir die Weser also wieder so wie früher - Lachsfluss. Es ist ungeheuer spannend, dass unsere Vorfahren einen Fluss nach den Lachsen benannten. Man mag diese Ausführungen anzweifeln, doch bleibt es Tatsache, dass es so enorm viel Fisch gab, dass schon mal mit einem einzigen Netzzug 800 Großlachse an Land gezogen wurden.

Unsere Vision ist es, dass der Lachs hier wieder angesiedelt und heimisch wird. Die Weser soll ihren Namen wieder zu recht führen dürfen. Dafür lohnt es sich zu werben und zu kämpfen.

Von Bremerhafen bis Hildesheim sind es Luftlinie über Weser, Aller, Leine und Innerste ca. 180 -270 km, die der Lachs zurücklegen muss. Bis hier nach Freden etwas über 300 km, großzügig gerechnet.

In Sachsen und Tschechien (früher Böhmen) organisieren sich Vereine und besetzen Lachs. Der Lachs muss bis dahin 1000 - 1200 km aufsteigen. Das Elblachsprogramm 2000 hat 1995 begonnen und hatte innerhalb kürzester Zeit bemerkenswerte Erfolge, sprich Rückkehrer, vorzuweisen. Im Jahr 2000 waren es immerhin ca. 200 Rückkehrer.

Am Rheinsystem machen gleich mehrere Anrainerstaaten (IKSR) im Lachsprogramm mit:
Holland, Deutschland, Luxemburg, Frankreich und die Schweiz. Auch hier müssen die Lachse bis zu 1200 km flussaufwärts wandern. Dafür brauchen sie geschätzt 60-80 Tage.

Lachse im Weser-Aller-System würden es bis nach Hildesheim in 14 Tagen schaffen, nach Freden evtl. 1-2 Tage länger.

Die Gründe des Lachssterbens in Deutschland sind bestens bekannt. Was aber ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten besser geworden?

  1. Die Wasserqualität: weniger Salz und Schadstoffeinleitungen durch verbesserte Klärtechnik, durch gesteigertes Umweltbewusstsein allgemein, und durch den Niedergang der Industrie der ehemaligen DDR.
  2. Reduzierung des saurer Regen durch Filter- und Katalysatortechnik.
  3. Das Umweltbewusstsein der Bevölkerung ist deutlich gestiegen. Ein Fließgewässer wird nicht mehr so häufig als kostenlose Müllkippe benutzt. Verbesserte Kläranlagen, z.B. durch Phosphateliminierung etc.
  4. Reduzierung der Meeresfischerei auf Lachs. Das Aufkaufen der Fischereirechte durch den NASF (North Atlantic Salmon Fund) trägt dazu bei, dass der Lachs auch von seinen Weidegründen bei Grönland, Island und den Färöer Inseln zurückkehren kann. In diesem Jahr sollen alle Fischereilachsquoten im Atlantik aufgekauft werden.
  5. Die Reduzierung der Land- und Viehwirtschaft in Deutschland. Geringerer Einsatz von Pflanzenschutz- und -behandlungsmitteln (PBSM) und weniger Düngemitteleinleitungen verbessern das Ökosystem der Gewässer oder besser gesagt, schädigen es geringer und die Selbstreinigungskräfte der Gewässer schaffen die Restbelastungen einfacher, schneller und effektiver.
  6. Renaturierungsmaßnahmen mancherorts. Die Sünden der Vergangenheit müssen korrigiert werden. Gewässer, die begradigt wurden, gehören zurückverlegt in ihr Ursprungsbett. Genau so, wie Dänemark es uns beispielhaft vormacht. In Deutschland ist das aber noch in den Anfängen.

Nun ja, diese Positivliste ist sicherlich nicht unendlich fortsetzbar. Dagegen ließe sich auch eine Liste mit Schwierigkeiten stellen. Aber liebe Freunde, Tatsache ist, dass sich die Umweltbedingungen in den letzten 10 Jahren noch nie so günstig entwickelt haben. Wir haben einen sehr guten Stand erreicht.

Die Zeit ist günstig den Lachs und die Meerforelle wiederanzusiedeln. Die Zeit ist reif dazu.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Sachsen und Tschechien haben folgende Gründe für ihr Elblachsprogramm 2000 angegeben:

  1. Der Lachs besaß eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung.
  2. Er besitzt in der Öffentlichkeit einen großen Bekanntheitsgrad und ein hohes Ansehen.
  3. Der Lachs wird sofort von jedermann in Zusammenhang mit intakten Gewässerökosystemen gebracht.
  4. Er hat auf Grund seiner hohen Ansprüche an die Wasserqualität eine gute Indikatorfunktion für die sich verbessernden Umweltbedingungen.
  5. Der Lachs ist ein starkes Symbol für die Notwendigkeit der Durchwanderbarkeit von Fließgewässer. Die Verbauung der Flüsse mit Wehren ist einer der stärksten Gefährdungsfaktoren für viele Fischarten.

Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Diese oben genannten Gründe können wir, ohne wenn und aber, übernehmen.

Während in anderen Ländern die Lachsprogramme von Regierungsseite getragen und finanziert werden, sind es in Niedersachsen die ortsansässigen Angelvereine. An der Nordseeküste sind die Resultate nun auch deutlich an den Rückkehrern sichtbar. Die Oste hat einen sich selbst tragenden Lachsstamm mit über 600 Laichtieren. Der Angelsportverein Neustadt (bei Hannover) berichtete von 3 gefangenen Rückkehren in der Leine im letzten Jahr. Der Verein besetzt Lachsbrütlinge. Es gibt das Okerlachsprogramm 2000 vom ASV Braunschweig, um hier nur einige zu nennen. Aber Alles in Allem müssen noch mehr Vereine mitmachen: Lachs besetzen, ihre Gewässer zur Verfügung stellen und die Durchgängigkeit in beide Richtungen vorantreiben. Dazu müssen noch viele Vorurteile beseitigt werden und eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden:

  1. Der Lachs ist ein Fisch der kalten Gewässer. Das Gegenteil ist der Fall. Neuste Untersuchungen haben gezeigt, dass die Lachsbrut bei Wassertemperaturen gegen 4-0 Grad lethargisch wird, die Bachforellenbrut ohne erkennbare Beeinträchtigung Nahrung aufnimmt.
  2. Bei sehr hohen Wassertemperaturen von ca. 25 Grad oder mehr ist die Bachforelle lethargisch und nur die Lachsbrut nimmt noch ohne erkennbare Beeinträchtigung Nahrung auf.
  3. Nicht Norwegen oder Alaska hatten die größten Lachsbestände, sondern Mitteleuropa.
  4. Der Lachs konkurriert in den Gewässern mit der Bachforelle, aber er zieht dabei immer den kürzeren. Sobald er etwas größer geworden ist und Fischbrut fressen könnte, zieht er ist Meer. Wenn er wiederkommt, frisst er nicht mehr.

Liebe Freunde, wenn sich also die Schweiz um den Lachs bemüht, obwohl er bis dahin 1200 km wandern muss und noch viele Hindernisse aus eigener Kraft nicht überwinden kann, wenn Tschechien mit Sachsen den Lachs erfolgreich wiederansiedelt, obwohl bis 1200 km zwischen Laichgebiet und Meer liegen, dann können wir das in Niedersachsen in unserer Region auch.

Hätten wir auch vor Jahren schon mit einem Wiederansiedlungsprojekt angefangen, könnten wir jetzt vielleicht auch schon einige Rückkehrer melden. Gemeinsame Anstrengungen werden zum Erfolg führen, Einzelaktionen sind zu zeit-, geld- und kraftaufwendig.

Ich habe in Norwegen und Alaska unzählige herrliche Lachse gefischt und bin begeistert von diesem König der Fische. Ich habe in Dänemark seit über 10 Jahren das ehrgeizige Wiederansiedlungsprogramm verfolgt und den großartigen Erfolg bewundert. Meine Visionen sind freie durchgängige Gewässer und Lachse und Meerforellen vor unserer Haustüre.

Vielen Dank!

Ihr Dr. Reinhold Heiderich - 1. Vorsitzender des Lachsfördervereins